Gerald Matt Schweigen. Nie! Schweigen. Nie! Vor rund einer Woche hat der Kurator Robert Fleck im "Standard" ein Statement veröffentlicht, in dem er die Meinung äußerte, "daß man in einem Land, in dem die Nazis wieder Regierungsverantwortung tragen, nicht mehr ausstellen kann". Gleichzeitig forderte er einen "lückenlosen Boykott der österreichischen Kulturinstitutionen" . Dieser Kommentar provozierte eine Vielzahl von öffentlichen Stellungnahmen. Die meisten Debattenteilnehmer widersprachen Fleck vehement, vor allem mit dem Hinweis, daß es in der derzeitigen Situation das Dümmste wäre, liberale politische Positionen auf dem Feld der Kunst widerstandslos preiszugeben und damit einer "kulturellen Hegemonie" (Gramsci) der Rechten Vorschub zu leisten. Auch ich bin dezidiert der Meinung, daß es nicht angeht, die Rolläden herunterzulassen und den "little shop of culture" dichtzumachen. Im Gegenteil: Gerade in einer polarisierten politischen Situation wächst einer Institution wie der Kunsthalle eine gesellschaftliche Bedeutung zu, die ein noch genaueres Arbeiten, eine noch präzisere ästhetisch-politische Positionierung erfordert. Seit den achtziger Jahren wurde uns die Welt von der Philosophie und Kunsttheorie als Karneval der Masken, Simulakren und Virtualitäten vorgeführt, ja sogar das "Ende der Geschichte" wurde ausgerufen. Jetzt sind wir auf unerfreulichste Weise wieder in die Geschichte zurückgefallen und sehen uns mit einem ganzen Bündel menschenfeindlicher Positionen (Xenophobie, Nationalismus, Kunsthaß, fehlende soziale Gerechtigkeit) konfrontiert. Beileibe keine "Immaterialien" (Lyotard), sondern handfeste politische Willensbekundungen. Fundamentales Mißtrauen gegenüber einer Regierung mit FPÖ-Beteiligung ist angebracht. Wahrend in der Antrittserklärung der neuen Regierung zur Kunst lediglich ein paar Evergreens aus dem unverbindlichen Phrasenreservoir zum besten gegeben wurden ("Bildung, Wissenschaft und Kultur schaffen die Grundlagen für unsere Zukunft.....Vielfalt und Autonomie, Offenheit und Internationalität ...") macht ein Kommentar des FPÖ-"Philosophen" Andreas Mölzer in der "Kronen-Zeitung" klar, woher in Zukunft der Wind weht: Kritik an Blau-Schwarz von seiten der Kunstschaffenden wurde als "Kesseltreiben gegen Österreich" denunziert, Schriftsteller und Künstler, von Elfriede Jelinek bis Valie Export, die Dissens artikulierten, eigennützige Motive unterstellt. Und wieder einmal bemühte Mölzer den Popanz von der Dominanz eines "politisch korrekten, spätlinken Zeitgeistes, so ausgelutscht und abgegriffen er auch sein mag." Mit solchen Polemiken im Spät-Stürmer-Stil wird ein Klima geschaffen, das a priori jeden Dialog unmöglich macht. Und Mölzers Pamphlet spiegelt nur wider, was man in den Gemeinderäten und politischen Gremien seit Jahren an FPÖ-Einlassungen von Wiener Gruppe bis Kolig zu Gehör bekam. Die Antwort auf diese aggressiven Kampfansagen kann nicht ein Boykott sein, sondern eine Schärfung der Sensibilität für die neuen Tonlagen im öffentlichen Diskurs, für die Diskrepanz zwischen kreideweichen Regierungserklärungen und einer reaktionären Kunstverhinderungspraxis, mit der man, nach allen bisherigen Erfahrungen, in der nächsten Zeit rechnen muß. Die Kunst wird in den kommenden Jahren ein Barometer sein, das die politische Temperatur in Österreich mißt. Und in dieser Rolle ein unentbehrliches Instrument zur Beurteilung der gesellschaftlichen Standards und der Qualität der öffentlichen Debatte. Um mit einem Wort von Samuel Beckett, dem die aktuelle Ausstellung der Kunsthalle gewidmet ist, Haltung und Wirksamkeit der Kunst zu charakterisieren: "Ich werde nie schweigen. Nie." ________ Quelle: http://www.kultur.at/van01/state08.htm