N.N.
Folgeinserat auf das Statement von Wolfgang Schüssel und Jörg Haider in International Herald Tribune
An alle Leser der Herald Tribune!
An dieser Stelle haben Sie vor zwei Wochen eine Erklärung der neuen, österreichischen Bundesregierung gelesen. Diese wurde vom Bundepräsidenten der Republik Österreich verfasst und als Beilage zum Koalitionsabkommen der österreichischen Volkspartei und der Freiheitlichen Partei Österreichs, Herrn Wolfgang Schüssel und Herrn Jörg Haider unterschrieben. Wieso die österreichische Bundesregierung den Weg bezahlter Anzeigen wählt, um der Weltöffentlichkeit die Grundwerte und die Selbstverständlichkeiten jeder entwickelten Demokratie mitzuteilen, überlassen wir Ihrer Beurteilung.Ebenso die Beantwortung der Frage, wieso der Landeshauptmann von Kärnten (Bundesland von Österreich) und Führer der FPÖ Jörg Haider hier ein mit Steuermitteln bezahltes Forum in der Weltöffentlichkeit bekommt.
Wir wenden uns bewusst an Sie als Leser dieser Zeitung, weil große Teile der österreichischen Bevölkerung die Handlungsweisen der neuen, österreichischen "Mitte"-Rechts-Regierung nicht mittragen. Tausende Menschen demonstrieren jeden Tag friedlich in den österreichischen Städten als Zeichen des Protests gegen die momentane politische Situation. KünstlerInnnen, Kulturschaffende und viele Initiativen organisieren den Widerstand und sind Teile einer echten Voksbewegung, wie sie Österreich seit dem Ende des 2. Weltkriegs noch nicht erlebt hat. Während Sie diese Botschaft lesen, demonstrieren gerade zehntausende ÖsterreicherInnen in Wien gegen die österreichische Bundesregierung. Der Protest richtet sich gegen die handelnden Personen der österreichischen Regierung und ein Klima der poltischen Intoleranz und Isolation.
Wir wenden uns an alle VertreterInnen der Völkergemeinschaft. Die Proteste der Europäischen Union, Israels und anderer befreundeter Staaten erfüllen alle ÖsterreicherInnen mit Sorge. Wir sehen diese Proteste und die damit einhergehenden stark eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten der österreichischen Bundesregierung aber auch als Solidaritätsbekundung der befreundeten Staaten für die Protestbewegung in unserem Land. Wir bitten Sie, Ihre Zeichen des Protests nicht abzuschwächen, sondern auch im Sinne einer zusammenwachsenden Völkergemeinschaft das politische Problem Österreichs als gemeinsames aller demokartischen Staaten zu betrachten. Jedes Zeichen des Widerstandes gegen die österreichische Regierung, ist ein Zeichen für jene ÖsterreicherInnen, die eine Radikalisierung des politischen Klimas schon in der Wahlzelle am 3. Oktober abgelehnt haben und jenen Teil der FP und gutgläubigen Wähler der ÖVP, die jetzt beginnen, über die Konsequenzen ihrer Stimmabgabe nachzudenken.
Wir wenden uns an alle Künstler und Künstlerinnen, die aufgrund ihrer aufrechten und echten Überzeugung überlegen, Besuche in Österreich abzusagen oder dies bereits getan haben. Wir haben großes Verständnis für diese Handlungen, dem offiziellen Österreich mit diesem Boykott entgegenzutreten. Vergessen Sie aber nicht die große Mehrheit der Österreicher, die sich in Initiativen organisiert und gerade die kulturellen Tätigkeiten als Mittel mit besonderer Bedeutung für den Widerstand ansieht.
Treten Sie mit diesen Initiativen in Kontakt und unterstützen Sie diese mit Ihrer Kunst.
Wir wenden uns an alle Mitglieder und Vertreter konservativer und christlich-sozialer Parteien aller Staaten. Sprechen Sie mit den Mitgliedern der österreichischen Volkspartei über die Vorgänge in Österreich. Fordern Sie Ihre Kollegen auf, den historischen Fehler der Koalition mit der FPÖ sofort zu korrigieren und lassen Sie keine Gelegenheit aus darauf hinzuweisen, dass jeder einzelne Politiker der ÖVP für seine Handlungen verantwortlich ist.
Wir wenden uns an all jene, die sich persönlich durch die Äußerungen von Mitgliedern der österreichischen Bundesregierung und von Politikern der FPÖ beleidigt und verunsichert fühlen, insbesondere an jene Personen, die schon einmal Opfer eines durch österreichische Mithilfe und unter der Mittäterschaft von Österreichern errichteten totalitären, menschenverachteten Systems geworden sind. Wir können Ihnen diese Verunsicherung und Angst leider nicht nehmen, denn Ihre Angst ist unsere Angst. Ihre verletzten Gefühle sind unsere verletzten Gefühle, und jeder Tag, an dem Sie und wir Gesichter und Stimmen des offiziellen Österreichs ertragen müssen, die aus der schmerzhaften Vergangenheit Österreichs nichts gelernt haben, ist eine Schande für unser Land.
Wir wenden uns an alle ausländischen Medien, die über die Vorgänge in Österreich berichten. Zur Lösung und Aufklärung der politischen Situation in Österreich benötigen wir ihre Hilfe. Informieren Sie Ihre LeserInnen und ZuseherInnen über die schwierige Situation in Österreich mit Inhalten, die über Schlagzeilen hinausgehen. Nur die gesamtheitliche Berichterstattung über die politische Situation in unserem Land ermöglicht eine Ausschaltung des österreichischen "Jetzt erst recht"-Reflexes, der schon zur Wahl Waldheims geführt hat, der FPÖ nützt und die ÖVP noch weiter an den rechten Rand des politischen Spektrums wandern lässt. Wenn Sie uns in unseren Bemühungen um eine Änderung der politischen Situation unterstützen wollen, berichten Sie über die Vorgänge so, dass die Demagogen und Ideologen der Rechten keinen Handlungsspielraum haben. Unterschätzen Sie die Gewandtheit und Überzeugungskraft der handelnden politischen Personen nicht.
Wie wenden uns an Sie alle! Unterstützen Sie uns in unserem Widerstand gegen die ungeheuerlichen Vorgänge in unserer Heimat, die vielen Österreichern schon sehr fremd geworden ist. Nur gemeinsam mit Ihnen haben wir eine Chance, die gefährliche Entwicklung unseres Landes zu stoppen. Die Mehrheit des österreichischen Volkes ist gemeinsam mit Ihnen zum friedlichen und legalen Widerstand gegen die gefährliche Situation bereit. Lassen Sie uns gemeinsam das schreckliche Gesicht von Intoleranz, Hass, Hetze und Fremdenfeindlichkeit für immer zum Verschwinden bringen. Dieses Inserat wurde von tausenden ÖsterreicherInnen privat finanziert.