Interview von Sandra Manhartseder / medianexus mit Oliver Marchart
Es wird sich nichts ändern . . .
Österreich erlebt angeblich sehr turbulente Zeiten. Der "Widerstand" mit seiner "Protestkultur" ruft seit Anfang Februar zu Demonstrationen, Aktionen, Diskussionen auf und noch ist zumindest kein Ende absehbar. Eine neue Bewegung braucht natürlich auch ein neues Medium und ein solches war sogleich zur Hand: "Protest im Internet", "Widerstand im Netz" - so oder ähnlich lauteten die profunden Analysen zur momentanen Situation, die schließlich mit Schüssels berühmt gewordenem Sager von der "protestierenden Internetgeneration" ihren Höhepunkt erreichten. media.nexus sprach mit Oliver Marchart über Internet, Zivilgesellschaft und so manch anderen Mythos . . .
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Welche Aufgaben hat eine wünschenswerte Kultur- bzw. Medienpolitik zu übernehmen?
Meiner Meinung nach hätte Kulturpolitik in Österreich, wo es so etwas wie eine lebhafte Zivilgesellschaft erst seit jüngster Zeit gibt, hier die Aufgabe infrastrukturell zu unterstützen, d.h. Medien - und da versteh ich auch Kulturinitiativen usw. -, die so etwas wie öffentlichen Raum herstellen, zu unterstützen; Medien sind nur eine Spezies unter diesen Projekten. Was unterstützt werden sollte, ist der öffentliche Raum. Aber soll's oder kann's von dieser Regierung unterstützt werden? Schmid sagt, Zugänge zum Netz braucht man nicht staatlicherseits fördern, das regelt der Markt; da stellt sich die Frage: stimmt das und will man eine solche Politik? Ich glaube, von dieser Bundesregierung ist keine andere Politik zu erwarten, denn Neoliberalismus ist der zentrale Punkt dieser Regierung. Das war bei anderen auch so, aber jetzt wird das ins Herz des Regierungsprogramms geschrieben. Es ist keine fortschrittliche Kultur- und Medienpolitik zu erwarten und daher muss man schauen, dass die Opposition, sowohl die parteipolitische als auch die freie, in eine Richtung gedrängt wird, in der so eine fortschrittliche Medien- und Kulturpolitik ausgearbeitet wird, mit dem Zeithorizont der nächsten Wahlen, damit eine etwas weniger neoliberale Regierung diese dann erfüllt.
In der momentanen Situation ist viel von den Chancen und Vorteilen des Internets die Rede. Während sich die einen neue Protestformen versprechen, üben sich die anderen in lässiger Ignoranz und sprechen von der "Internet-Generation". Was kann man sich vom Netz tatsächlich erwarten?
Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass es DAS Internet gibt. Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Netzen und eine Vielzahl von verschiedenen Usermöglichkeiten; deshalb kann man das Netz sowohl als Widerstandsnetz als auch als freien Markt als auch als Gefahr verstehen oder - wie Schüssel - gar nicht verstehen. Das Netz ist eine weiße Fläche, auf die jeder projizieren kann, was er will, deshalb gibt's so viele Vorstellungen, wie uns das Netz helfen bzw. bedrohen kann.
Ist man heute in Bezug auf Projektionen nicht schon vorsichtiger geworden?
Es hat keine Desillusionierung gegeben. Das Netz hat sich verbreitet, es ist jetzt viel bekannter, aber die ursprünglichen Illusionen sind immer noch da. Heute kann sich langsam zeigen, dass die Illusionen mit der tatsächlichen Userpraxis kollidieren. Ich surfe und finde keine Kinderpornos. Die Kollision mit der Praxis kann zur Entmythologisierung beitragen. Momentan existiert ein großer Werbeschub, in Großbritannien z.B., der Werbeschub verbreitet die Ideologie weiter, dass es unglaublich wichtig ist, dass alle im Netz sind. Das war ja auch die Politik der letzten Regierung, die das zu einer staatlichen Aufgabe gemacht hat, die Leute ans Netz zu bringen. Auch das bedeutet ja, dass die Hoffnungen immer noch da sind. Wenn alle im Netz sind, wird der Weltfrieden ausbrechen, was weiß ich . . . Also die Mythen bestehen weiter. Nur, diese Ideologie wird zusammenbrechen, wenn alle im Netz sind und man sieht, dass sich nichts ändert.
Welche Rolle spielen neue Medien in der Protestkultur? Was können sie, was nicht?
Es wird in Zukunft auch eine Funktionsteilung zwischen den Medien geben; es hat immer diese Illusion gegeben, dass ein neues Medium alte ablöst, das ist Blödsinn. Das Internet kann bestimmte Dinge: es ist vor allem schnell in Bezug auf Information und Organisation, es ist aber überfordert, wenn es darum geht, ein gewisses Level an Seriosität bereitzustellen; ist kein Mangel des Netzes, das wird sich vermutlich auch ändern, aber im Moment wird den Printmedien größere Seriosität zugesprochen. Das ist nicht notwendigerweise Realität, aber so sind die Vorstellungen. Wenn jetzt Medienpolitik von der Opposition betrieben werden soll, darf man die alten Medien nicht vergessen - deshalb muss man Printmedien gründen im Widerstand. Ein Medium, in dem Diskussionen stattfinden, die ernst sind und ernst genommen werden und die in den anderen Redaktionsstuben auch gelesen werden. Die Schwäche des Internets muss kompensiert werden durch die Stärke der Printmedien.
Das Internet ist eben sowohl ein Widerstandsmedium, ein Unterhaltungsmedium als auch ein staatstragendes Medium, zumindest bei der vorigen Regierung, insofern als es zum wirtschaftlichen Hoffnungsträger wurde. Das Internet ist auch funktional alles gleichzeitig.
Widerstand im Netz heißt Vernetzung von Personen, Organisation von Aktionen, die sowieso stattfinden würden. Am Beginn war das Netz Gegenstand der oppositionellen Bewegungen, ein Großteil des Potenzials war auf das Netz als Objekt gerichtet, Zensur abwehren usw. Jetzt wird weniger Fetischisierung betrieben, im Vordergrund steht eher die funktionale Benützung wie man eben z.B. das Telephon benützt. Das Netz erfüllt eine bestimmte Funktion, aber es wird nicht mehr fetischisiert, zum Objekt der Begierde selbst. Und das ist ein großer Fortschritt. Man überlegt sich nicht mehr die ganze Zeit, wie großartig das Netz ist, das überlegen sich nur noch die anderen Medien, um ihre Seiten zu füllen. Von denen, die das Internet nützen, wird es eben einfach benützt. Die sagen, wir nützen das einfach als Tool, so wie das Handy und so. Es wird nur noch von den anderen - hauptsächlich von den Printmedien - fetischisiert.
Wird sich der "Plural Internet" halten?
Er wird sich halten, weil die totale Kontrolle des Internets aus strukturellen Gründen unmöglich ist. Die Funktionsvielfalt wird sich halten, wie sie sich auch im Printbereich zu finden ist. Es wird im Netz die Großen, AOL usw. geben, aber daneben wird es andere Möglichkeiten geben, wo die Leute das machen, was sie machen wollen.
Welche Rolle spielen deiner Meinung nach Medientheorie bzw. Medienbeobachtung bei der Konstruktion des "Mythos Internet"?
In den letzten Jahren gab es wohl eher Mythologisierung denn Entmythologisierung in der deutschsprachigen Medientheorie, ich denke an Bolz oder Kittler. Es war Arbeit am Mythos. Auch populärkulturelle Darstellungen des Internets haben am Mythos mitgearbeitet - daran waren auch Theoretiker, z.B. Bolz, beteiligt. In der Zwischenzeit hat sich Ernüchterung auch in der Medientheorie breit gemacht. Man kann in der Theorie auch nicht mehr alles behaupten, weil die Leute das Netz ja benützen. Auch hier gibt's den Realitätscheck: In den letzten Jahren hatten die Theoretiker ja ein Monopol, sie haben das Netz benützt, sie hatten den Zugang. Das Netz war ja schließlich in seiner mittleren Phase ein rein akademisches Netzwerk, deshalb konnten die Akademiker das auch auf ihre Weise öffentlich definieren. Die Theoretiker waren auf der Schnittstelle, auf der die Hacker nicht standen. Den Theoretikern ist die Definitionsmacht nun abhanden gekommen, die Leute definieren sich das Netz jetzt selber.
Juni 2000
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Quelle:
http://www.medianexus.net/redaktion/texte/2000/marchart.htm