Sandra Kreisler
Zugabe, bitte!
In der letzten Zeit hat es in unserem Lande unrühmlich viele Tote durch Polizeieinsätze gegeben. Gemessen daran, dass wir ja angeblich eine Insel der Seligen sind. In der letzten Zeit hat es in unserem Lande ziemlich viele öffentliche Aussagen gegeben, die unappetitlich waren - um es milde zu sagen.
Aber jeder Sager war "so" nicht gemeint, jeder Tote war eine Ausnahme, ein Versehen. Das mag stimmen. Dennoch lässt sich irgendwann nicht mehr verbergen, dass die Häufung der Menschenrechtsverletzungen, der Übergriffe, der sprachlichen "Ausrutscher" vor allem Eines deutlich macht: Da steckt System dahinter.
Nein, das ist keine Verschwörungstheorie. Es ist viel einfacher: Es steckt DAS System dahinter. Denn wenn derlei Dinge passieren, ist es in unserem Lande üblich, sie zu leugnen, sie zu vertuschen, sie zu bagatellisieren. Und wer das kritisiert, ist ein Vernaderer. Eine grundsätzliche Diskussion über die Ursachen findet nicht statt. Damit berauben wir uns offenen Auges einer grossen Chance, die uns mit jeder dieser "Fehlleistungen" eigentlich in den Schoss gelegt wird. Der Chance, uns zu verbessern.
Der (in jeder Hinsicht) hervorragende Marco Smoliner hat mir kürzlich gesagt: In Japan, wenn jemand einen Fehler macht, begeht er Harakiri, und alle anderen überprüfen, wie es dazu kommen konnte, damit sie diesen Fehler nicht auch begehen. Bei uns, wenn jemand einen Fehler macht, wird er von allen anderen erstochen, und dann wird nie wieder darüber gesprochen. Und ich als Amerikanerin weiss, dass es im amerikanischen Wirtschaftsleben für den Aufstieg sogar von Vorteil ist, wenn man einen Fehler öffentlich bekennt. Erst als Clinton seine Affaire mit der Lewinsky ZUGAB, stiegen seine Sympathiewerte wieder sprunghaft an. Bei uns darf man nie etwas zugeben, sonst ist man sofort weg vom Fenster.
Das alles führt aber dazu, dass die Fehler, die einzelne Personen begehen, strukturalisiert werden. Nie wird überprüft, warum zB es soweit kommen konnte, dass ein Mann, der lieber Rambo wäre, Chef einer Polizeieinheit wird, wo er seinen Hass und seine Überheblichkeit ungestraft ausleben kann.
Nie wird überprüft, wo er diesen Hass überhaupt her hat. Wenn wir sehr viel Glück haben, sagt irgend jemand: Der muss weg, und der Herr wird wohin versetzt, wo er weniger Schaden anrichten kann. Aber die Strukturen bleiben. Der nächste Mann wird denselben Weg durchgehen, und bis er dann auf diesem Posten sitzt, wird er genausoviel Hass haben, genauso menschenverachtend agieren, wie sein Vorgänger.
Ich habe, nach all den Polizeiübergriffen der letzten Zeit, nach all den unqualifizierten Meldungen, nach all den Rechtsverdrehungen, noch kein einziges Mal von einem Verantwortlichen gehört: "Ja, da ist ein Fehler passiert. Wir werden den Verantwortlichen von einem unabhängigen Gremium überprüfen lassen, und wir werden überprüfen lassen, wie es so weit kommen konnte, dass dieser Mann so einen Fehler machen konnte. Und vor Allem werden wir die Erkenntnisse aus dieser Untersuchung in unsere Schulungen einfliessen lassen, und ich garantiere Ihnen, dass dieser Fehler nicht mehr passiert." Nein, man hört von "bedauerlichem Einzelfall" von "Schwarzen Schafen", von "Missverständnissen". Oder es wird überhaupt geleugnet, dass eine Fehlleistung stattfand. Und vor Allem: Niemand ist schuld.
Und es ist auch niemand Schuld. Denn Schuld hat das System. Das System, dass es hierzulande verbietet, Fehler zuzugeben. Dinge auszusprechen und durchzudiskutieren. Aus Fehlleistungen zu lernen. Auf Kritiker zuzugehen. Das System, das uns seit den Jahren des seligen Kaisers unterweist in: kuschen, verstecken, ja-sagen, nicht hinterfragen, anderen die Schuld geben. Nur nix ändern. Nur nix über uns herausfinden. Kritik wird persönlich genommen. Und schadet dem Kritiker, anstatt, wie es sein sollte, dem Kritisierten zu helfen.
Die Rufe nach dem Ende eines "Sondereinsatzkommando" unter Herrn Rabensteiner werden immer lauter. Mit Recht. Aber ich vermisse die Rufe nach einer Überprüfung der Zustände. Der Strukturen. Der Wege, die Übergriffe a´la Marcus Omofuma, Imre B., Charles O., und all die Anderen an ihrem Ende haben. Was wir brauchen, ist weniger die Schuldigsprechung der Einzelpersonen, die hinter den polizeilichen Überfällen auf Menschen in Taxis, auf Schwulensaunen, Informationsbüros und auf unbescholtene Schwarze stehen.
Was wir brauchen, ist eine Redefinition der Strukturen. Bei uns herrscht strukturalisierter Rassismus, Antisemitismus, Xenophobie. Und das heisst: Strukturalisierte Angst.
Wenn wir unserer Polizei vertrauen wollen, müssen wir die Ausbildung, die durchlaufen wird, hinterfragen. Und die Ausbildner. Wir müssen diejenigen, die die Ausbildner engagieren, überpüfen. Wir müssen die Sprache, die gesprochen wird, überprüfen. Der Rassismus, der Antisemitismus, die Menschenrechtsverletzungen, die Aussprüche aus der Mottenkiste der Geschichte, all das HAT hierzulande nicht nur System, es IST System.
Natürlich gibt es all das auch in anderen europäischen Ländern. Aber in anderen Ländern wird zumindest versucht, die Strukturen zu verbessern, die Schulungen zu intensivieren. In anderen Ländern distanziert man sich klarer und zieht Konsequenzen. Man beobachtet sich. Bei uns indes wird es durch die institutionalisierte Leugnung immer schlimmer. Immer unverhohlener werden wir belogen, von immer mehr Menschen.
Aber wenn wir das ernstzunehmende Land sein wollen, von dem wir immer behaupten, dass wir es sind, müssen wir mit aller Kraft das Lügen, das Vertuschen, das Bagatellisieren und das Klüngeln abstellen. Denn wer mit einem fehleranfälligen Menschen klüngelt, wird selbst fehleranfällig. Wir müssen das Lügen beenden. Und die Fehler bis in die letze Konsequenz zugeben. Und dann erst können wir beginnen, zu arbeiten.
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Sandra Kreisler ist stellvertretende Obfrau von SOS-Mitmensch
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sandra.kreisler@chello.at