Burghart Schmidt Kruder Naturalismus gegen Verblödungs-Satire Schlingensief hat meiner Ansicht und Einsicht nach zur oesterreichisch leider eingetretenen rechten Zeit das Richtige getroffen für den der Wiener Oper zugelagerten Herbert von Karajan-Platz waehrend der Festwochen 2000. Das eroeffnet sich einem, wie so oft in der Geschichte der Provokationskunst, durch die wetternde Kritik, wie sie dann zum Kunstereignis selber gehoert als Mitgemeintes. Solches wurde in verschiedenen Formulierungen schon festgestellt im Fuer und Wider. Mir kommt es aber in einer Fragerichtung auf naehere Bestimmung an, weil diese einmal auf das Problem von Provokationskunst ein Licht wirft. Andererseits erhellt sie die jetzige Funktionsabsicht des Regierungsoesterreichs im europaeischen Feld enorm nach ihrer gefaehrlichsten Perspektive. Konrad Liessmann etwa hat im 'Standard' vor kurzem beklagt, dass man, wie immer man auf die von der Schlingensief'schen Inszenation gestellten Anforderungen reagiere, der Angeschmierte sei, der Hereingelegte. Haette man das Plakatband "Auslaender raus" weghaben wollen, haette man sich gegen die Freie Kunst gestellt. Haette man es akzeptiert, dann haette man ethisch-politisch versagt. Sehr richtig, Liessmann! Das ist eben Kunst statt kursorientiert evaluierbarer Didaktik in Politik. Was der ernsthafte Nachdenker in seiner Denkschulung eben nicht gemerkt hat: Schlingensief hat die Grundstruktur in der Propagandastrategie der Freiheitlichen grossartig zu einer Kunstdarstellung uebersetzt, in der endlich alles einsehbar wird. Gegenueber der oesterreichisch- freiheitlichen Propaganda ist man immer der Hereingelegte, weil sie ihre Muster aus der Amalgamideologie des Nationalsozialismus entlehnt. Naziideologie gab ja den blut- und bodenbestaendigen Bauern als Lebensideal vor und verwirklichte den Grossingenieur der technologischen Grosssysteme aus Luftwaffen und Unterseemarinen. Sie gab Naturbegeisterung vor und peitschte die 'Moorsoldaten' ins Trockenlegen und Kanalisieren, was nur ging. Sie erklaerte die Ueberfremdung des Teufels und deportierte Zwangsarbeitermassen kreuz und quer durch Europa. So sind die Freiheitlichen Oesterreichs heute fuer die Arbeiter und Unternehmer ganz eingenommen, nur veraechtlichmachen von Minderheiten und Feindbilder eingeflochten, wie anno dazumal. Was ist nun? Man kann sich nicht auseinandersetzen. Man kann nur, wie Schlingensief es tat, die Programmkonzentrate kommentarlos, argumentationslos hinstellen und so darstellen, damit sie sich an sich selber dekonstruieren in ihrer Versammlung. Sonst eben ist man der Hereingelegte. Hinter Schlingensiefs Verfahren der kompositionell blanken Demonstrativ-Zitation steht eine Tradition, die auch fuer die Zukunft nicht vergessen werden darf und die Schlingensief fuer eine bestimmte Gegenwartssituation wieder hoch-lebendig gemacht hat. Es ist die Tradition von Karl Kraus und Walter Benjamin, nach der man ideologische Sentenzen, die man fuer angreifenswert halte, am besten nur an ihnen selber zitatorisch wiederhole. So wuerden sie sich am gruendlichsten entbloessen durch reine Zeigefunktion. Aber Liessmann hat ja schon vor einigen Jahren veroeffentlicht, er habe seinen Benjamin in eine letzte Kellerecke verstaut, oder wars der Dachboden? Wahrscheinlich befindet sich da ebenfalls sein Kraus. Seither verstehe ich Liessmann nicht mehr recht. Und was soll man denn nun Anderes als das Schlingensief'sche, wo das offizielle Oesterreich die Satire methodisch zur Verbloedung Europas und Oesterreichs selber einsetzt? Den Drang Ferreros zu Handkuessen, das Bock-zum-Gaertner-Machen von Ferreros Reisen in Krisengebiete, um gepruegelt Arm-Oesterreich von Antidemokraten bedauern zu lassen, das Sich- Hinterruecks-Zudraengeln unter gruene Regenschirme, den Austausch von Mascherl und Krawatte, die Sympatiewerbung mit Sachertorte und jeden Tag was anderes als Politica. Die Verbloedungssatire der oesterreichischen Regierung hat zwei fuer sie brauchbare Seiten. Einmal bereitet man vor, dass alles nicht so gemeint sei, andererseits gewoehnt man Europa an die Wiederverwendbarkeit von Nazi-Ideen und Nazi-Parolen. Was soll da anderes eingesetzt werden gegen solches, als der krude Naturalismus von Schlingensief, der ja darum doch kuenstlerisch ist. Denn er ist Inszenation, das heisst weder wirkliche politische oder soziale Aktion, noch experimentell-empirische Untersuchung der Wirklichkeit, auch nicht Wiedergabe der Wirklichkeit. Und so schlaegt er in der Wirkung um zu satirischen Effekten oder komischen, nun aber vom Typ der Erhellungssatire oder Erhellungskomik, aber erst im Gesamt der Wirkungen eben. Schlingensief selber artikulierte aus deren Erfahrungen zum vorlaeufigen Beschluss eine grosse Verwirrung, in der er nicht mehr wisse, wie er etwas aussprechen oder ansprechen solle. Das aber zeigt sich als das Erhellende. So entspricht es meinen Erfahrungen damit, die einen hineinwerfen in blosse Sprechproben: Hump - Dump - Lump - Hump - Lump - Dump - Hump. Denn der jetzige Justizminister Oesterreichs laesst nun wohl die darstellende Blossstellung von SS-Parolen und SS- Idealen polizeilich- gerichtlich verfolgen, indem er gegen Schlingensief zu ermitteln anweist. Nicht aber wendet er sich gegen das ernstgemeinte Vertreten von SS-Idealen und SS-Parolen. Offensichtlich wohl, weil er das Blossstellen und Laecherlich-Machen von SS-Parolen unterdruecken möchte und das mit Gesetzen, die dem Sinn nach gegen Nationalsozialismus gemacht wurden? Soweit ist das offizielle Österreich immerhin schon, davon muss man Europa benachrichtigen? Im uebrigen ist Provokationskunst an der Grenze zwischen Theater und politischer Aktion, deren unterschwellige Regeln der sich strukturierenden Spontaneitaet Schlingensief frei spielen liess, also meisterte auf den Festwochen, ein sehr wichtiges Gelaende der Kunst, aber keineswegs das Modell fuer Kunst ueberhaupt. Zudem haengt sie voll von bestimmten Situationen ab und ist nur mit ihnen zusammen dokumentierbar, doch kaum uebertragbar, ausser die Situation waehrt. Provo-Kunst muss aus historischen Anregungen immer wieder neu erfunden werden und veranstaltet. Gut! Luc Bondy hat die Freiheiten, die er sich in seinem Festwochenvertrag ausbedungen hatte, fuer Wien 2000 mit Schlingensief so voll genutzt, dass man sie ihm, voll erschreckt, jetzt streitig machen moechte. ________ Quelle: http://elektrofruehstueck.netbase.org/