Georg Seeßlen Wie werde ich ein Rechtspopulist? Meine Damen und Herren, es ist schon eine hübsche Vorstellung: da laufen durch das sehr ferne New York in einem Pulk der mehr oder weniger besessenen Marathonläufer ein grüner deutscher Außenminister und der Chef der rechtspopulistischen österreichischen Partei um die Wette. Natürlich gewinnt der sportliche Rechtspopulist, ja genau gesehen hätte der Grüne sogar mit Absicht verlieren müssen, um nicht als einer dazustehen, der sich mit einem Macho-Ritual durchsetzen wollte und so schon buchstäblich in die Beziehungsfalle gelaufen wäre, die zu den Erfolgsrezepten des Rechtspopulismus gehört. So setzt sich bereits an diesem krausen Nebenschauplatz fort, was den Rechtspopulismus in der ost-demokratischen Mediengesellschaft der symbolischen Ersatzhandlungen für Politik so unwiderstehlich macht. Er kann nicht verlieren, denn die Niederlage würde ihm stets noch mehr recht geben als der Sieg, er kann jedem Diskurs sein Niveau und seine Rhetorik diktieren. Leider fehlt uns die Zeit, eine hübsche kleine Phantasie auszuarbeiten, zum Beispiel: Haider und Fischer verlaufen sich beim New York Marathon gemeinsam in der Bronx und müssen miteinander und gegeneinander die Konfrontation mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit überstehen. Was vermutlich deutlich werden könnte, wenn man diese Phantasie zu Ende entwickelt, ist die Absurdität aller politischer Mythen und Präsentationsformen der neunziger Jahre. Unsere so unterschiedlichen Marathonläufer nämlich haben beide mit diesem und jenem zu tun, aber nur sehr wenig mit der wirklichen Macht des Kapitals und noch weniger mit der Empfindung seiner Opfer, obwohl sich doch beide, wenn auch sehr gegensätzlich, nicht zuletzt als deren Ausdruck inszenieren. Die unterschiedlichste Inszenierung sieht beim Marathonlauf wie folgt aus: Der eine, der grün-linke Außenminister, der vom Turnschuhpolitiker zum reifen Staatsmann geworden sein will, und vom alternativen Bonvivant mit einem Hang zur Korpulenz zum asketischen Selbstkontrolleur, der andere, er sozusagen geborene Fitnessmensch, ewiger Skilehrer, dessen Körperlichkeit gleichsam natürlich zu Selbstausdruck drängt und blitzrasch und schweißfrei wieder in Hemd und Krawatte erscheint. Beide laufen nach den selben Regeln, vom selben Start ans selbe Ziel, und keiner von beiden kommt auf die Idee, mittendrin anzuhalten, um sich zu fragen: Moment mal, was tue ich hier eigentlich. Nein, unbeirrt zeigt der eine, wie er sich selber überwindet, wie er wollüstig leidet und doch schon süchtig geworden ist nach diesem Laufen um des Laufens willen, und der andere, wie man aus jedem Laufen schon ein Schau- und ein Siegeslaufen macht. Der eine läuft, damit man sieht, wie anstrengend das ist, und wie sehr er zu den vielen, vielen anderen gehört, die sich da mit ihm gemeinsam durch die Stadt quälen, der andere, damit man sieht, wie wenig anstrengend es für ihn ist, und daß er bei allem Mitlaufen doch immer sein eigenes Bild bleibt, da er eben nicht, wie sein Konkurrent, in dieser Situation Teil der laufenden Masse ist, sondern wie immer von der Woge der Sympathie für ihn aus einem völkischen Jenseits getragen wird. Natürlich ist das ganze auch eine politische Metapher. Man versucht auf sehr unterschiedliche Weise Gestalt zu gewinnen, aber das Spiel ist das gleiche. Wir sehen an diesem Bild vielleicht auch, warum es nach dem Ende der klassischen demokratischen Inszenierungen und der mehr oder weniger vollständigen Medialisierung restdemokratischer Politik keinem noch so angestrengten Linkspopulismus oder so etwas wie einem Liberalpopulismus gelingen kann, sich als Alternative zum allfälligen Rechtspopulismus zu profilieren. Die Besetzung der Mitte mag nämlich in der statistischen Auswirkung erfolgreich sein, sie produziert als Nachricht indes kaum etwas anderes als eine Geschichte des Verrats, entweder wie beim möglichen Linkspopulismus derjenigen Kräfte, die wir dort nun einmal haben, und die haben wir ja, sagt man, verdient, dem Verrat nicht nur an den alten Idealen und den alten Verbündeten, sondern gleich dem Verrat im ödipalen Drama, die Umdeutung der Revolte in immer bizarreren Rechtfertigungsmythemen, während der Liberalpopulismus den Verrat an seiner größten Idee begehen müßte, nämlich sich gerade durch unbarmherzige Konkurrenz aus der Mitte herauszuarbeiten. Man ist sozusagen aggressionsgehemmt, der eine nach unten, der andere nach oben, obwohl realpolitisch nichts anderes geschehen kann als die radikale Produktion neuer Untouchables und neuer Eliten. Kurzum: die Lüge ist hier ein Problem, sie ist nicht nur offensichtlich und eine semantische Katastrophe: die Beschleunigung des Turbokapitalismus unter ritueller Preisgabe von politischer Moral. Das ist ein Modell der Anpassung für einen Teil des Kleinbürgertums, der wähnt, vor zwei, drei Jahrzehtnen ein wenig den Anschluß verpasst zu haben und dem Neoliberalismus nun ungefähr so angehört wie Joschka Fischer dem Marathonlauf. Für den Rechtspopulisten ist die Lüge kein Problem, weil in ihrer mythischen Mitte nicht der Irrtum sondern die Gemeinsamkeit steht. Wir müssen uns selbst belügen, um Erfolg zu haben, behauptet der Liberal-grün-sozialdemokratische Neue-Mitten-Konsens. Wir belügen vor allem die anderen, behauptet der Rechtspopulist. Und mehr noch: Die Lüge tut uns weh, aber sie muß sein, behaupten die einen, die Lüge macht Spaß, die anderen. Wir kontrollieren sie selbst, wir sind wir, und unnütz zu sagen, daß der Rechtspopulismus von den New Boys der Sozialdemokraten und den Alten Grünen sowie von den forschen Liberalen mit ihrer Manie einer Kultur des Besserverdienenden all das übernimmt, was sich irgend popularisieren läßt. Jörg Haider, der erfolgreichste Rechtspopulist in Europa, ist in sehr unterschiedlichen Diskursen zu beschreiben, die miteinander verwoben, aber nicht unbedingt verschmolzen sind. 1. Er ist Ausdruck eines Transformationsprozesses der parlamentarischen Demokratien unter den Bedingungen von Neoliberalismus und Globalisierung, einer tiefgreifenden Krise in der Beziehung zwischen Parlament, Parteien und Wahlen auf der einen, dem Staat, der Gesellschaft und der Ökonomie auf der anderen Seite. Zu dieser Krise gehört die Parteispendenaffäre in Deutschland so sehr wie die Beteiligung der FPÖ an der Regierung, oder wie der Sturz einer bürgerlichen Partei mit ökologischem Gewissen in Norwegen durch Sozialdemokraten und eine andere bürgerliche Partei, die auf Modernisierungen um jeden Preis setzen. Der Rechtspopulismus ist also einmal ein Symptom eines Funktionswandels der Parteien und zum anderen der Definition von Macht. Unter anderem verspricht der Rechtspopulismus ja auch, daß die Politik wieder zum Staat führt, auch und gerade wenn die Partei nicht mehr durch eine Pyramidenstruktur aus der Basis wächst, sondern eine virtuelle Erscheinung rund um eine einzige Person ist. Die Person beherrscht nicht mehr so sehr die Partei wie Helmut Kohl die CDU, die Person ist die Partei. Damit verhält sich der Rechtspopulist eigentlich nicht anders als sich, sagen wir, der Skinhead zu seinem vor dem Fernseher schwadronierenden Vater verhält, er tut das, wovon der andere nur träumt, er lebt die internen Transformationsträume der Parteien schon einmal aus. 2. Der Rechtspopulismus ist ein Ausdruck der Medialisierung in einer zweiten Phase, die wir die Simpsons-Phase der Selbstreflexion nennen könnten. Das heißt das Bild der Politik und ihrer Repräsentanten wird nicht allein mehr medial vermittelt, sondern bereits als medialisiertes bewertet. Man wählt niemanden, von dem man sagen würde: Er oder sie macht sich medial nicht besonders gut, aber... Mediale Strategien sind durchaus als durchschaubar angelegt, ohne ihre Wirkung zu verlieren. Wir alle, auch die Gegner des Rechtspopulismus, sind dazu verurteilt, Haiders nächsten Mediencoup zu erwarten, in dem er nur die endlose Abfolge von tückischen Anpassungsgesten und faschistoiden Ausfällen choreographieren muß, um immer wieder das zu produzieren, was längst an die Stelle des Diskurses getreten ist, nämlich die Nachricht. Haider ist eine Nachricht. Er radikalisiert die Idee von der Politik als Nachricht. 3. Natürlich kann der Rechtspopulismus nur in einem Klima gedeihen, in dem einerseits Strategien der Reggression allfällig sind, insofern ist Rechtspopulismus die konsequente politische Fortführung dessen, was unter den neuen Bedingungen als Unterhaltung vom Komödienstadel bis zum Big Brother angeboten wird, und andrerseits in einer Stimmung von Faschisierungstendenzen auf den unterschiedlichsten Gebieten. Wenn man Haider sehr hübsch einen "Feschisten" nennen kann, dann seine Ideologie vielleicht als Faschingismus. Die Karnevalisierung der Politik, die wir freilich auch vom historischen Faschismus kennen, eben jenes rituelle Spiel mit der Regelverletzung im rauschhaften Konsens, ist durch ihn ebenfalls medialisiert worden. Während es so gut wie keine triftige Haider-Satire in den Medien gibt, ist beinahe jeder Auftritt Haiders in den Medien eine triftige Satire über den Zustand unseres Journalismus. Paradoxerweise wird er, der als Medienbild entstanden ist, zugleich zum Ausdruck unseres ambivalenten Verhältnisses zu diesen Medien. Wir lieben es, durch sie verblödet zu werden, aber noch mehr genießen wir, wie überrascht es von den Verblödern zur Kenntnis genommen wird, daß unser Held sie mit Leichtigkeit vor der Kamera in der Pfeife raucht. 4. Der Rechtspopulismus gewinnt nur scheinbar paradoxerweise deswegen an Einfluß, weil es das soziale und politische Milieu nicht mehr gibt. Er restauriert auf virtuelle Weise das Milieu wie die Volksmusik auf virtuelle Weise die verlorene Geborgenheit im Millieu rekonstruiert. Gewiß kann der Rechtspopulismus an mehr oder weniger rationale Ängste mit mehr oder weniger irrationalen Antworten andocken, kann als Verstärkungsmaschine einer Umwandlung von Angst in Hass dienen, aber mehr noch als die rationalen Ängste, der Verlust der Arbeit, des sozialen Netzes, der inneren Sicherheit, der stationären Behaustheit und wie man die ökonomischen Grundlagen des Kleinbürgertums noch nennen mag, sind sein Material die irrationalen Ängste, die beim Verlust des Milieus als innerer Ordnungsmacht entstehen, das durch einen äußeren, ökonomischen Konformismus entsteht. Alle wohnen in ziemlich genau gleichen Häusern mit ziemlich genau gleichen Autos und ziemlich genau gleichen Möblierungen ziemlich nahe beieinander und haben doch so gut wie nichts miteinander zu tun, weil gerade die Anstrengungen, diesem Konformismus zu genügen, das Milieu, die informelle Konstruktion der Gemeinschaft unterhalb der Klasse, verhindern muß. Was verzweifelt gesucht wird, ist ein Ersatz für das Milieu, all dies, Nachbarschaft, Familie, die Öffentlichkeit der Piazza, der innere Gleichklang der Empfindung, das selbstverständliche Ritual. In der "Lindenstraße" ebenso wie in der Politik. Alle anderen behaupten, sie würden das Ich sinnreich in ein System einbauen, nur der Rechtspopulist konstruiert ein scheinbar konkretes Wir als grammatische Aussageweise. Seine politische Inszenierung ist nichts anderes als die Imitation des Erlebnisses von Milieu, und wenn man dazu die Konstruktion eines feindlichen Außen benötigt, umso besser. 5. Der Rechtspopulismus ist Ausdruck einer Krise der Familie, des Hauses, der Sexualität, der gender construction, der Beziehung von Arbeit und Privatleben, und nur einerseits dabei nichts anderes als reaktionärer Rückschlag gegen die partiellen Erfolge von Emanzipationsbewegungen oder auch ökonomisch produzierter Veränderungen. Aber vielleicht noch mehr: Er ist auch eine Krise des Ich-Ideals in der Klasse der Klassen, im Kleinbürgertum, er bietet eine Antwort auf die Frage nach der endlos zersprungenen Person in der modernen Form des Führer-Kults, wo die Meta-Person gleich Ersatz für mehrere Elemente der verstörten Seelenarchitektur werden muß. 6. Der Rechtspopulismus ist Ausdruck einer Krise des Wissens, der Verständigung und der Konstruktion dessen, was der einzelne Mensch an Anteil am kollektiven ideellen Eigentum erwarten kann. Er rekonstruiert gewissermaßen die Verhältnisse von Klugheit und Dummheit. Man organisiert das Wissen, daß es darum geht, auf eine besonders kluge Art dumm zu sein. Sicherlich ist es kein Zufall, daß der Rechtspopulismus politische Realität vor allem auf dem Gebiet der Kulturpolitik wird. Man könnte womöglich sogar die These wagen, die eigentliche Aufgabe des Rechtspopulismus in den Transformationsprozessen der post-demokratischen Neoliberalismus sei gerade die Umformung der Kultur, während sich in der ökonomischen und außenpolitischen Entwicklung unter seinem Einfluß genau das abspielen muß, was sich andernorts unter Sozialdemokraten unter Liberalen oder unter Christdemokraten abspielt. Das Ziel ist nicht nur ein Kapitalismus ohne demokratische Kontrolle, das Ziel ist eine Gesellschaft ohne Kultur des Widerstands. Die Modernisierung, die auf dem Gebiet der Technik gewünscht wird, die auf dem Gebiet der Ökonomie nicht aufzuhalten ist, die auf dem Gebiet der Politik in einer Art nationaler Seifenblase ignoriert werden kann - in der Kultur kann sie gebremst, ja kann sie sogar rückgängig gemacht werden. Die Zumutung des Komplexen und des Widersprüchlichen, vor dem man in der Auseinandersetzung mit der Politik in den Mythos des Rechtspopulisten flüchten kann, der es schon richten könnte, der es denen schon zeigen würde, dem man bei jeder Niederlage ein Jetzt-erst-recht hören läßt, diese Zumutungen der Moderne können auf dem Gebiet der Kultur beherrscht werden. Auch hier gelangen wir sehr rasch an die Grundlagen der historischen Faschisierung: technische Beschleunigung bei gleichzeitiger kultureller Regression. Es liegt auf der Hand, daß zwischen beiden widerläufigen Impulsen nur eine Macht vermitteln kann, die sich als mehr oder weniger totale inszeniert, und die ihren Anteil an struktureller und manifester Gewalt erhöhen muß. 7. Der Rechtspopulist ist Ausdruck der ökonomischen Umverteilung, wenn nicht Ausdruck der Modernisierungsverlierer so doch Ausdruck der Modernisierungs-verlustängste. Er inszeniert daher eine Doppelstrategie des Versprechens: In der populistischen Inszenierung der Macht erlangen wir einen Moment der Teilhabe an der Modernisierung, und zugleich das Versprechen, sie symbolisch zumindest, auf unser eigenes Maß zu reduzieren. 8. Der Rechstpopulismus ist ein Problem der europäischen Transformationsprozesse und wird uns daher auf höchst unterschiedliche Weisen begegnen. Daß er sich dazu einer spezifischen Partei und einer mehr oder weniger solitären Person bedient, ist nur eine der Varianten, vielleicht diejenige mit dem augenfälligsten Symptom-Charakter. Haider also ist auch Ausdruck einer besonderen österreichischen Geschichte und Befindlichkeit und daher nicht einfach irgendwo anders zu wiederholen. Seine Ausstrahlung insbesondere auf Deutschland, und hier wiederum insbesondere auf den Süden, ist dennoch enorm. Wenn man neben den Riten in der Berliner Republik auch das Raunen hört, dann gibt es, was die Beteiligung der Rechtsextremen unter Jörg Haider an der österreichischen Regierung anbelangt neben dem Erschrecken auch die klammheimliche Faszination. Vom vorauseilenden Gehorsam der Gewöhnung ganz zu schweigen. Als bei der politischen Aschermittwochsrede Herr Stoiber bekundete, daß sich die Regierung gefälligst nicht in österreichische Belange einmischen solle, von den Herren und Damen in Brüssel ganz zu schweigen, da brandete eine Art von trunkener Begeisterung auf, die wir nicht anders interpretieren können als mehr als Zustimmung: Stoiber soll unser Haider werden, und dieser Staider soll auch an die Macht. Anschluß liegt in der Luft. Wir haben keinen Haider, hört man es mal mit mehr Erleichterung, mal mit mehr Bedauern weiter nördlich. Dabei ist es doch gar keine große Sache, sich einen Rechtspopulisten zu basteln. Man muß nur ein paar Grundregeln beachten und das ganze dann mit einem Bräunungsstudio und einer TV-kompatiblen Rhetorik aufpeppen: 1. Der Rechtspopulist ist ein Phänomen, das sich jenseits des Retro-Effekts entwickelt. Es ist entscheidend, daß es sich als etwas "neues" inszeniert. Er mag hier und dort die Gespenster des "Ewiggestrigen" beschwören, er selber aber ist keinesfalls ein Ewiggestriger. Der Rechtpopulist hat es nicht nötig, den historischen Faschismus zu verdrängen; er verwendet ihn wie ein Angebot des Supermarktes. Er entdeckt am historischen Faschismus nicht etwas gutes, sondern etwas nützliches. 2. Der Rechtspopulist bringt seine ökonomische Basis bereits mit. Er ist kein "Aufsteiger", keiner der von unten kommt, sich das Dazugehören erkämpfen müßte. Er ist keiner, der durch die rechte Revolte zu einem Erfolg kommt, den man ihm vorher versagt hat, sondern ein Erfolgreicher, der nach unten spricht. Wenn der historische Faschist seinen Faschismus auf die Wirtschaft projeziert hat, so projeziert der Rechtspopulist seinen wirtschaftlichen Erfolg auf die Politik. Er ist kein "Günstling" der Wirtschaft, sondern selbst Unternehmer, wenngleich nicht unbedingt in der Ikonographie des "bürgerlichen Unternehmers", der sozusagen die ganze Welt in seinem Unternehmen abbildet und umgekehrt die Welt als eine Abbildung seines Unternehmens sieht, sondern im Sinne eines unermüdlichen Dynamisierers mit möglichst breit gestreuten Gebieten. 3. Entsprechend führt der Rechtpopulist seine Partei als dynamisches Wirtschaftsunternehmen. Das heißt: Er benötigt in der Regel nicht das, was man in den klassischen Parteien "die Basis" nennt. Auch ein System Kohl zu einer Stabilisierung der Macht und zur Vernetzung der Politik mit der Wirtschaft benötigt er nicht, da er dessen Ziele bereits internalisiert hat. Die rechtspopulistische Partei ist keine Kaderpartei, die sich vor Ort "verankern" will, sondern ein Netz von Vertriebsagenturen, die Events organisieren und ein Produkt anpreisen, die Person des Rechtspopulisten selber und alle Schatten seiner Inszenierung. Wie ein Wirtschaftsunternehmen auch hat die Partei des Rechtspopulisten keine feste Form sondern ist um einige Warenzeichen herum verflüssigt. 4. Der Rechtspopulist ist einer, der "so geworden" ist; er schadet sich nicht, wenn er als Liberaler, sogar als "Linker" angefangen hat, oder wenn er ein "Seiteneinsteiger" in die Politik ist. Er will das System nicht verändern, sondern deutlich zu sich selber bringen. Er bemächtigt sich rechter wie linker Mytheme, die er ad hoc verwendet, um die "klassischen" Fixpunkte der Faschisierung herum: Rassismus, Nationalismus, Anti-Modernismus, law & order, ständische und völkische Ordnung der Gesellschaft, Militarismus, Autoritarismus, Führer-Prinzip undsoweiter. Die einzelnen Elemente haben dabei eine Funktion wie semiotische Ionenaustauscher: es gibt solche, die tief in die Mitte reichen, andere, die ganz an den rechten Rand gerichtet sind, alle aber miteinander vernetzt, so daß sich Ketten ergeben. Der Rechtspopulist macht, anders als der traditionelle Neofaschist, kein geschlossenes faschistisches Angebot, sondern entfaltet einen medial verstärkten Sog nach rechts, dessen Stärke nach Bedarf geregelt werden kann und der seine Angelruten immer wieder in die sogenannte Mitte hinein wirft ohne je die Zähigkeit zu verlieren, mit der er immer wieder auf faschistische Kernaussagen zurückkehrt. 5. Der Rechtspopulist ist ikonographisch so wenig zu isolieren wie politisch. Haider behauptet, von Tony Blair würde ihn nichts anderes als der Namen unterscheiden. Nicht nur die Ähnlichkeit der Rhetorik fällt ins Auge, von der Vorliebe für eine bestimmte Art von Oberhemden (ein Diskurs des Weiß mit der Arbeitskleidung: weder spartanisch noch hedonistisch) ganz zu schweigen, sondern auch die Ikonographie gleicht sich; Edmund Stoiber, der als erster zum Einbinden Haiders "geraten" hat, passt selber ebenso in diese Bildwelt, nur daß man hier eine genau umgekehrte Matrix gewählt hat: eine Staatspartei die unaufhörlich alles kannibalisiert, was rechts von ihr ist. Die Stoiber-Lösung ist sozusagen die nächste Stufe, nämlich Schüssel und Haider in einer Person zu sein, der Rechtspopulist und sein bürgerlicher Schatten. 6. Der neuere Rechtspopulist betont seine Männlichkeit, ohne sie zu monumentalisieren. In einer Gesellschaft, der nicht nur die Arbeitsplätze, sondern gleich die Arbeit selbst abhanden kommt, verkörpert er nichts als Arbeit. Das mythische Paradox des arbeitenden Unternehmers. Dieser Männerkörper arbeitet immer, und dieses sein Arbeiten ist sein eigentliches Angebot. Er verspricht Arbeit durch seinen Körper und Haß auf alle Nicht-Arbeit. Er sexualisiert diese Arbeit, lange bevor er das in seine Rhetorik einbaut, und sexualisiert noch mehr den Haß auf Nicht-Arbeit, und diese Arbeit muß zurückgewonnen werden, weil sie buchstäblich alles ist: der Erfolg und die phallische Identifikation des Körpers, Selbstwert und Religion. Der Heilige Krieg des neuen Faschismus wird um die Arbeit geführt. Der nicht arbeitende Mensch ist der doppelte Feind: als Untermensch, der nicht arbeiten will oder kann, oder als Konkurrent, der "unsere" Arbeit streitig macht (so wie der Feind vordem unser Land, unseren Reichtum, unsere Frauen wollte). Der moderne Rechtspopulist setzt dies in seine Performance um: Wenn wir nicht arbeiten, sind wir vollständig mit der Abwehr der Nicht-Arbeit beschäftigt. Die rechtspopulistische Inszenierung ersetzt schließlich sogar die Arbeit durch ihre Verteidigung. So kann sich der Rechtspopulist inszenieren als das arbeitende Nicht-Fremde als Bollwerk gegen die unübersehbare Masse der nicht-arbeitenden Fremden. Dem rechtspopulistisch ergriffenen Mann kann dabei durchaus die Frau, wenn nicht die eigene so doch beliebiger Ersatz, zur Fremden werden, die entweder nicht arbeitet oder aber ihm im Gegenteil die Arbeit wegnimmt. Der Rechtspopulist greift dabei insofern in die Geschichte zurück, als er den Gründungsmythos der post-faschistischen Gesellschaften und der post-kolaboratorischen Kulturen in Europa aufgreift. Der besagt nämlich, daß der Wohlstand und damit eben auch der Luxus der Demokratie (und von Luxus trennt man sich in schlechteren Zeiten ja bekanntlich am ersten) vor allem auf "unserer Arbeit" aufgebaut war. Was zur Disposition steht, ist das, was wir mit unseren eigenen Händen aufgebaut haben. Auch diese Lüge reicht weit in die Mitte hinein, und so wird der Rechtspopulismus zur Verteidigung der größten Lebenslüge des Kleinbürgertums in der Nachkriegsära. Sie fühlen sich als Schöpfer des Wohlstandes, der ihnen nun von allen Seiten streitig gemacht wird. Arbeit verschwindet um so mehr, je genauer man sie ansieht. Daher ist das Ur-Angebot des Rechtspopulisten eine Blendung gegenüber der Ambivalenz der Arbeit. Was er verspricht ist nicht nur das alte "Arbeit für alle", jedenfalls für alle, die zu uns gehören, die wir sind und damit gegen die anderen, sondern auch sowohl eine Entproletarisierung der Arbeit, Haiders Outfit ist gleichsam die Verwandlung aller Arbeit in Weiße-Kragen-Arbeit, als auch die Entintellektualisierung der Arbeit. Das Mythem dazu, beileibe nicht die Erfindung des Rechtspopulisten, ist der mittelständische Unternehmer, ein Phantasma, das nicht nur den wirklichen Mittelstand mit dem Kapitalismus versöhnen soll, sondern auch gleich so etwas wie eine Rückkehr zum ständischen Leben. 7. Dennoch ist der Rechtspopulist mehr als ein blutrünstiges Gespenst eines ökonomisch, kulturell und psychisch sinnlos gewordenen Arbeitsethos. Er verspricht die mythische Auflösung all der Widersprüche, die das Erkennen des Kapitalismus hervorrufen würde, seine apokalyptische Selbst-Kannibalisierung. Der Rechtspopulist behauptet nur, ein bißchen von dieser Zukunft zu wissen. Diese Zukunft soll zugleich barbarisch und biedermeierisch sein. Notwendig dazu ist immer nur, da vebinden sich wieder die sexuellen mit den ökonomischen Ängsten, alles Vermischte zu trennen, alles vernetzte zu hierarchisieren, alles Prozeßhafte in einem statischen Symbol zu bannen. Er probiert aus, wieviel wir von der Vergangenheit und zugleich wieviel wir von der Zukunft schon akzeptiert haben. Er deckt in der moralischen Phrase den Umstand, daß er im Inneren einer ist, der das moralische Denken bereits aufgegeben hat. 8. Der Rechtspopulist ist der politische Ausdruck von Reihenhäusern, Volksmusiksendungen, Vergnügungsparks, Fußgängerzonen, Kaffefahrten, Landhausstil und Trainingsanzügen. Noch bevor er ausdrückt, was alle denken, drückt er aus, wie alle leben. In semiotischen Systemen, die die urbanen Zumutungen des Fremden, des Unerwarteten und Unberechenbaren, der hohen Kultur ebenso wie der Subkultur abwehren. Ein Leben des individuellen Kollektivismus, in der Nächste zugleich vollkommen identisch und auf Distanz gehalten ist, in gesicherten Innenräumen, die den frei zugänglichen öffentlichen Raum verabscheuen. Die rechtspopulistischen Events ähneln nicht zufällig so sehr den Volksfesten, den rauschhaften Erfahrungen dieser geschlossenen semiotischen Systeme. Darin, vor allem, ist der Rechtspopulist "einer von uns", und zugleich einer, der das Volkstümliche und Rauschhafte überragt, der uns wieder zur Kontrolle ruft, der uns keineswegs der endlosen Regression überläßt wie es die alten Nazis und Rechtssektierer getan haben. Selbst die schon in sich durchaus postmoderne, gesteuerte Regression des deutschen Schönhuber ist hier überwunden, Haiderismus, das bedeutet die sozusagen ewige Spaltung der rechten Seele in ein bewußtloses, barbarisches, blutsäuferisches und grölendes Es und in ein asketisches, überkontrolliertes, glückloses und endlos nur Macht begehrendes Über-Ich in eine neue Form des Selbstmanagements zu bringen. 9. Der Rechtspopulist bietet ein offenes System an; er durchmischt die Elemente um sie zu dynamisieren. Daß er sich selber beständig widerspricht und nie so etwas wie ein konsistentes Programm entsteht, versucht er gar nicht zu verbergen, er "bedient" die Modernisierungsverlierer ebenso wie die Gewinner. Selbst die Offenheit gegenüber der Wirtschaftskriminalität ("Causa Rosenstingel") verstärkt eher die Zustimmung. Das "Wir" ersetzt ganz einfach alle "objektive" Moral. Der Rechtspopulist absolviert unsere Vergehen, Es und Über-Ich sind so miteinander verzahnt, daß es in der neofaschistischen Horde schließlich keine Konkurrenz und keinen Vatermord mehr geben kann, eben dies, was dankenswerterweise die neofaschistischen Bewegungen jeweils nach ihren immer wieder überraschenden Erfolgen in den europäischen Demokratien der Nachkriegszeit selbst erledigte. In Bayern hat die CSU einen Mythos geschaffen, der dem Rechtspopulismus in Form einer Partei den Wind aus den Segeln nimmt. Laptop und Lederhosen. Das ist imgrunde nichts anderes als die alte faschistische Formel von der technischen Beschleunigung und der gleichzeitigen kulturellen Regression: Beschleunigung einerseits, "altes Glück" andrerseits. Der moderne Rechtspopulist ist das lebende Bild dieser Strategie. Er verspricht besinnungslose Modernisierung im Bereich eines öffentlichen Produzierens, das heimelig gemacht werden kann nur, indem es in gewisser Weise "völkisch" verstanden wird, während er im Inneren die Bewahrung des "alten Glücks" verspricht, die den Ausschluß der schädlichen Einflüsse von außen verlangt. 10. Der Rechtspopulist ist nicht nur, wie gesagt, ein Ausdruck, sondern auch eine Antwort auf die Medialisierung der Politik. Man wählt nicht die Lösung seines Problemes, schon gar nicht mehr in der Vermischung von Pop und Politik, man wählt den besten Ausdruck seines Problemes. (Deshalb, vemutlich, wird ausgerechnet die deutsche Regierung, die im Sinne der Transformationsprobleme der spätkapitalistischen Gesellschaften die erfolgreichste Arbeit leistet, die rot-güne Armani-Regierung der new boys, als die unbeliebteste in unsere Kulturgeschichte eingehen. Sie löst einerseits Probleme, die wir gar nicht haben wollen, und drückt andererseits einen gesellschaftlichen Pakt aus, der uns weiter nicht interessiert.) Daher ist das "Sterben" des Systems Kohl für uns eine Geschichte (und in der Geschichte schon wirkt es weiter), das Regieren der anderen hingegen kommt zu einem vollständigen Verschwinden. Diese Politik will gerade verhindern, daß sie Nachricht wird. 11. Der Rechtpopulist ist nicht "authentisch" volkstümlich, sondern postmodern gespalten in den Genießenden und den Selbst-Manager. Wenn er das Volkstümliche inszeniert, steht er zugleich neben sich. Jörg Haider ist politisch, was Karl Moik ("der aufdringlichste Österreicher nach Haider", so Ponkie in der Münchner Abendzeitung) im Bereich der "Volksmusik" ist: Versprochen ist eine unendliche Ausdehnung des Provinziellen. Das dialektische Verhältnis zwischen der technisch-wirtschaftlichen Beschleunigung nach außen und der Bewahrung des "alten Glücks", die "Heimat" nach innen, gerät dabei in eine neue Dynamik: Das alte Glück wird selbst technisch verschärft. Es wird paradoxerweise zum Inhalt der Beschleunigung. Die Welt wird von der Provinz gefressen, und die Kultur darf nur noch Fenster in die eigene Bauernstube sein, die es in Wahrheit längst nicht mehr gibt. 12. Der rechtspopulistische Politiker verspricht, das phallische Zentrum der Macht wieder zu besetzen. Während Le Pen und Schönhuber so etwas wie die Rückkehr der vertriebenen und entmachteten Väter waren, die gleichwohl bereits den alten Neonazismus und seine Rückwärtsgewandtheit zu überwinden trachteten, "sympathische" Querulanten (mit einem gewissen "Asterix"-Bonus in der Mitte), die allerdings nicht wirklich ausersehen schienen, der Macht des rechten Untergrundes manifeste Gestalt zu geben, ist jemand wie Haider der "Sohn", der vom Stigma der historischen Niederlage kaum noch berührt ist. Und als Sohn kann er Partikel des faschistischen "Erbgutes" rehabilitieren ohne in Gefahr zu geraten, als "ewiggestrig" zu gelten. Daß der Aufstieg des Rechtspopulismus das Ende des traditionellen Antifaschismus aus einer aufklärerischen und humanistischen Tradition bedeutet, wird nur zu gern hingenommen, er bedeutet das Ende der Demokratie und das Ende einer "sozialen Marktwirtschaft", die Bewegung auf etwas zu, das wir wohl einen "völkischen Turbokapitalismus" nennen könnten. Haider und seine Verwandten sind keine Opponenten der letzten Modernisierungen, sondern die einzigen, die diese Transformationen "verkaufen" können, ohne einen manifesten Bürgerkrieg zu provozieren. Ihr Krieg gegen Minderheiten und Ausländer, teils virtuell, teils aber auch sehr real, ihr Krieg nicht zuletzt gegen den kulturellen Ausdruck dieser Widerpsrüche, ist die einzige mediale Alternative zu diesem Bürgerkrieg (von dessen Form wir so wenig wissen wie wir wissen wie der nächste Faschismus aussieht, und ob wir nicht längst in einem von beidem oder gar in beidem leben). Der aufklärerische Impuls tut für diesmal gut daran, sich nicht am mythischen Zentrum des Rechtspopulismus allein festzumachen, sondern sehr genau zu untersuchen, wo die Verbindungen und die Verbündeten im Mainstream liegen. Denn auch der noch so geschickt gebastelte Rechtspopulist benötigt neben der internen Konstruktion eine äußere Verknüpfung: 1. einen rauschhaften Konsens über das Aufdecken einer Verschwörung, die vorzugsweise von etwas geführt wird, was man sich selber fremd machen kann. Die Ausländer, das ist dafür nur das barbarischste, aber wirksamste Bild. Auch das so verfilzte System der etablierten bürgerlichen Parteien - die Rechtsextremen in Deutschland hatten sich eine Zeit auf das Wort "Altparteien" geeinigt - ist durchaus geeignet, sogar kritisches Potenzial, eine Art: So konnte es ja nicht weitergehen, auf sich zu ziehen. Wer also schon gar nichts begreifen will, der kann immer noch den Erfolg der Haider-Partei als fehlgeleiteten Impuls der Kritik an den so reglosen politischen Verhältnissen interpretieren. 2. einen bürgerlichen Steigbürgelhalter und Inaugorationshelfer. Zugegebenermaßen bietet uns Herr Schüssel ein ebenso deprimierendes wie kabarettreifes Bild. In einer Schulklasse gibt es immer den Clown, die Sportskanone und den Klassenbesten, aber da ist auch dieser Typus des ein wenig klein geratenen, unauffälligen Kerls in der dritten Reihe, von dem sich niemand den Namen merken konnte, und der immer nur lauernd um sich sah, jede Gelegenheit für seinen Vorteil erspähte, jede Freundschaft verriet und jede Gutmütigkeit mit einem Unschuldsblick ausnutzte. Spitzmaus hat unser Biologielehrer diesen Typus genannt. Spitzmaus hat kein Programm und keine Person, aber Spitzmaus will dorthin, wo die Macht ist. Spitzmaus will unbedingt Kanzler werden. Wenn er sich auch mit dem Klassenrabauken zusammentun muß und wieder mal Versprechungen brechen. Wenn er die Macht hat, will Spitzmaus auch wieder brav und unauffällig sein. Spitzmaus begreift nie, was er anrichtet. 3. schließlich benötigt der erfolgreiche Rechtspopulist mindestens einen starken Verbündeten in den populären Medien. Haider und die Kronenzeitung gehören zusammen. Beide, der bürgerliche Steigbügelhalter und die mediale Unternehmung, sind nicht nur Selbstausdruck - das gewiß auch und dabei Symptome der heruntergekommenen bürgerlichen Kultur überhaupt - sie sind auch Ausdruck der ökonomischen Interessen, denn weder der bürgerliche Politiker der sogenannten Volksparteien noch eine Massenzeitung oder ein Fernsehsender können auch nur existieren ohne Unterstützung der ökonomischen Herrschaft. So also schließt sich der Kreis: Weder ist der Rechtspopulist jenes nun von der anderen Seite kommende Gespenst, das in Europa umgeht, und das die Träume und Alpträume der vergessenen und deformierten Massen ausdrückt, noch ein politisches Originalgenie mit grenzenlosen strategischen Fähigkeiten. Er ist ein politisch-ökonomisch-mediales Produkt, das gleich unseren nächsten Mythos evoziert, den vom Zauberlehrling nämlich. Ist Haider etwa ein Produkt, das der Kontrolle seiner Produzenten entkommen könnte, frech, aggressiv und, unser Lieblingswort, unberechenbar wie wir ihn kennen? Sagen wir: dieses Spiel mit dem Feuer gehört zum Authentizitätsangebot des Produkts. Sonst könnte ja wirklich jeder ein erfolgreicher Rechtspopulist werden, so wie jeder, wenn er nur hartnäckig genug ist, entweder eine neue Religion wie Scientology ins Leben rufen oder ein Milliardenunternehmen aus dem Nichts aufbauen könnte. Man muß sich einfach nur trauen. Wenn der Rechtspopulist alle diese Bedingungen erfüllt und noch ein paar höchst nationaler und von außen nicht unbedingt einsichtiger Modelle bietet, wie sagen wir Haiders Skilehrer-Image und dann noch über ein einigermaßen ambivalentes erotisches Angebot, kann er sich im Grunde völlig frei bewegen und, nur zum Beispiel, real die Politik betreiben, die anderswo unter sehr viel heftigeren internen und äußeren Kämpfen die Post-Sozialdemokraten erledigen, nämlich die Umwandlung einer paralemtarischen Massendemokratie in eine mediale Ökonomokratie, kulturell die geheimen Vorbehalte des Mainstream-Bürgertum bedienen, zum Beispiel in der Bildungs- und Kulturpolitik und drittens nach rechtsaußen unendlich zündeln, um sich sogleich mit einem gleichzeitigen Zungeherausstrecken scheinheilig in der angesehenen Mitte wieder ein bißchen zu entschuldigen. Science Fiction also, nicht weit in die Zukunft hinein projiziert: der Rechtspopulist besetzt als eine scheinbare manifeste, in Wirklichkeit aber vollkommen chamäleonhafte Beweglichkeit einen so großen Bereich der postdemokratischen Gesellschaft, daß er den wahren Terror einerseits nur andeuten, andererseits von der Mitte aus gegen die Opfer der virtuellen Verschwörungsphantasien entfesseln muß. Man könnte also sagen, die Diktatur ist nicht mehr notwendig, es sei denn als persönliches Hobby des Rechtspopulisten, ebenso gut könnte man sagen, der Diktatur-Fall sei insofern bereits eingetreten, als eigentlich keine Option gegen die Herrschaftsform der Symbiose von bürgerlichem Opportunismus und Rechtspopulismus besteht und die Kritik dagegen gleichsam erwartete Bestätigung dieser radikalen Rechtsmitte ist, die, wie gesagt, anderswo von angeblichen Linksmittlern, sogar mit Unterstützung der einst rebellischen sozialen Bewegungen geführt wird. Was dabei eigentlich wen gebiert: der Rechtspopulismus den bürgerlichen Opportunismus, oder den Opportunismus den Rechtspopulismus, der ja immer davon spricht, wie sehr er nichts anderes als das ehrliche und authentische eines großen und ganzen, muß uns dabei weiter gar nicht mehr interessieren. Sie gehören zusammen wie Hypo- und Vereinsbank. Das heißt aber auch: Wer vom Rechtspopulismus spricht, darf von dieser bürgerlichen, kapitalistischen und wandlungsfähigen Mitte nicht schweigen. ________ (Bei diesem Text handelt es sich um ein unkorrigiertes Redemanuskript des Vortrags von Georg Seeßlen am 11. März 2000 im Depot in Wien, die Rechte liegen beim Autor) Quelle: http://www.jungle-world.com/sesslen.htm