Irmgard Cornelia Klammer
Österreich Links-Rechts, Widerstand, EU, Nebenwiderspruch: Frau
Keine Frage, es ist ein hehres und schönes Ziel für ein modernes, soziales, weltoffenes und nichtrassistisches Österreich auf die Strasse zu gehen, sich, wenns geht, mit anderen zu verbünden und die eigene Meinung lautstark zu artikulieren.
Man sagt sogar, das Volk sei nun aus einem jahrzehntenlangen Tiefschlaf aufgewacht, denn Gefahr droht, sagt mann, die dreißiger Jahre stehen schon wieder vor der Tür und eine Neubelebung des drittes Reiches.
Ich habe mir die Mühe angetan, und mache sie mir immer noch, mich durch die elektronischen Zusendungen der Widerstandsbewegung und seiner Forderungen durchzuarbeiten. Abgesehen davon, dass ich die meiste Zeit das Gefühl habe in einer Kreisel zu sitzen, die sich fortwährend dreht und dreht, denn der Großteil der Inhalte besteht darin, Österreichs Zukunft in aller Schwärze auszumalen, ist es interessant zu beobachten, wie die neue Streitkultur tatsächlich aussieht.
Zur Zeit nicht sehr gut, denn solange Menschen, eh sie überhaupt was sagen dürfen, sich distanzieren, abgrenzen, erklären müssen "IHN - das Böse" nicht gewählt zu haben, kann von Diskurs keine Rede sein!
Wenn Phrasen wie "der zunehmende Rassismus in Österreich, der Untergang der kulturellen Vielfalt Österreichs, Ausgrenzung, Nationalismus, Rassismus, Rechtspopulismus und Neoliberalismus bedrohen die Entfaltung von Menschen und Gesellschaften in Freiheit und gegenseitiger Achtung", einfach so herunterklopft werden, ohne mitzureflektieren, wem damit eigentlich gedient ist und wer Haider die Pflastersteine aus dem Weg geräumt hat, fällt es mir sehr schwer, darin mehr als Liebedienerei zu sehen, denn diese Schlagworte (mit Ausnahme des Neoliberalismus) klopft die linke Szene nun schon mindestens seit 2 Jahrzehnten, bei jedem, ihr als passend erscheinenden Anlass, runter. Mit dieser Phraseologie aber imponiert man höchstens all jenen, die die Welt am liebsten im Schwarz-Weiß-, Rechts-Links- und Gut-Böse-Raster wahrnehmen wollen.
Immer öfter stelle ich mir die Frage was wohl geschehen würde, würde der "rechte Block" plötzlich wegbrechen? Wohin würde sich wohl all der angestaute Frust, die Wut und die Unzufriedenheit entladen? Nicht mal ein politisch ungebildeter Mitmensch würde behaupten, dass die Welt schlagartig in Ordnung wäre, würde die FPÖ nicht mehr in der Regierung sitzen. So naiv kann doch wohl kaum jemand sein.
Der zur Zeit genehmigte "intellektuelle" Diskurs der "politisch Korrekten", in dem mann nicht in der Lage ist zu beurteilen, wie extrem die jeweiligen Rechtsblöcke sind und warum sie in den letzten Jahren immer stärker geworden sind, ist kein Diskurs, sondern unreflektiertes Gewäsch. Das Argument, durch die Regierungsbeteiligung der FPÖ in Österreich würden die Rechten in ganz Europa salonfähig gemacht werden, ist ungefähr so intelligent wie die Feststellung, der Pöbel würde von nun an regieren. Wer genau dieser Pöbel (ich bevorzuge eher das Wort Dumpfling) eigentlich sein soll, darüber schweigen sich die neuerkorenen Moralwächter allerdings aus, denn mann weiß, der Dumpfling ist überall, ob gebildet oder ungebildet, männlich oder weiblich, quer durch alle Schichten, Kontinente, Religionen, Parteien, etc., zu Hause. Mit einem Wort: Dumpflinge sind ein internationales Phänomen.
Mag sein, dass für all jene, die jetzt auf die Strasse gehen Demokratie retten, ein freiheitlicher Dumpfling gefährlicher ist als ein sozialistischer oder katholischer Dumpfling, leider haben alle Dumpflinge ähnliche Überzeugungen. Ob sie nun Rassisten sind, oder nur Konservative, hängt letztendlich davon ab, wem sie ihre Stimme geben. Wählt ein ausländerfeindlicher Dumpfling die SPÖ ist er halt ein konservativer Genosse, wählt er hingegen die FPÖ ist er natürlich ein Rassist, und wenn er, wie Viktor Klima es sanktionslos von sich geben durfte, sagt: "Was, denen die nicht arbeiten wollen, denen wollns a Geld geben" ist er sogar Faschist. So einfach ist das mit den Zuweisungen. Sagt man es mit roter Zunge ist es politisch korrekt, sagt es einer mit blauer Zunge ist er ein Nazi.
http://www.t0.or.at/~tissa/polemika/keinstein.html
Ähnlich ist es mit der "Vaterlandsliebe" in der "Heimat bist du großer Söhne". Tritt Herr Van der Bellen dafür ein, für sein Land zu kämpfen ist er ein Patriot, tritt ein Haiderwähler dafür ein, ist er ein Nationalist, der das dritte Reich wiederbeleben will.
Fällt wahrscheinlich gar niemanden mehr auf. Aber wir sind ja auch nicht da, um selbst zu denken und festzustellen wie fahrlässig mit zweierlei Maß gemessen wird, wir sind neuerdings ja nur mehr da, um zu beweisen, dass wir "politisch korrekt" und anständig wie Vranitzky sind. Denn, so hört mensch, das Ausland observiere uns, und gäbe es die Demonstrationen nicht, wären die EU-ler noch empörter über das dummdreiste Volk in Österreich.
Einer für Alle?
Die Frage, warum Österreich für das Versagen der anderen EU-Länder hinsichtlich ihrer Zuwanderungspolitik zu bestrafen ist, wurde mir bis heute noch nicht einigermaßen intelligent beantwortet. Das Argument, durch Haider würden die Rechtsparteien in Europa gestärkt werden, ist doch wohl eher als Faschingsscherz zu begreifen, denn als stichhaltiges Argument. Oder ist es neuerdings EU-Usus geworden, die eigene Schmutzwäsche im Nachbarland zu waschen?
Die Stärke des Flams Blok in Belgien rekrutiert sich, wie auch die der FPÖ in Österreich, aus all den Unzufriedenen, der die Regierung kein Stück entgegengearbeitet hat. Zuwanderung über Gesetze zu regeln, ist die eine Sache, aber mit den Zugewanderten zu leben ist die andere Seite. Jeder einzelne Mensch hat im Leben mehrmals die Erfahrung gemacht, in einer Gruppe neu zu sein, zu fremden Menschen hinzuzukommen. Im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz, alle von uns kennen das Gefühl irgendwo fremd zu sein und mit fremden Menschen auskommen zu müssen. Mal geht es gut, mal geht es nicht gut.
Mobbing z.B.: ist keine Erfindung irgendwelcher PsychogurInnen, sondern eine Methode, die wir alle entweder selbst praktizieren oder am eigenen Leib erlebt haben. Warum also soll, wenn schon die Einheimischen miteinander Schwierigkeiten haben, verschiedene Kulturen miteinander, mir nichts, dir nichts, in Friede-Freude-Eierkuchen leben können?
Nun ist natürlich folgende Frage zwangsläufig: Warum haben die meisten europäischen Regierungen über Jahrzehnte hinweg keinen Finger für die Integration gerührt? Nach außen hin die Arme weit aufzumachen und tönen: "Kommt nur ihr Armen, Verfolgten und Vertriebenen, wir sind ein humanes Land", ist eine sehr leichte Geste, bringt schließlich internationale Reputation, doch sich dann um die Eingeladenen zu kümmern, ist schon etwas schwieriger. Das war dann Sache der Einheimischen, ohne Forum und Unterstützung für die zwischenmenschlichen Probleme seitens der Regierung.
Und dann kommt einer und beginnt zu artikulieren und räumt die Stimmen ab. Statt das Problem öffentlich, gemeinsam mit den Eingewanderten aufzugreifen, zu diskutieren, wählt mann den "intelligenten" Weg: Mann deklariert alle Einheimischen, die mit den anderen Kulturen nicht zurrecht kommen, frei weg zu Rassisten und Faschisten und grenzt sie sofort aus. Damit dachte mann wohl das Problem gelöst zu haben. Vielleicht ist das die moderne Staats-Manier?
Ich sehe darin - dies trifft auch auf die meisten europäischen Länder zu - keinerlei Weltoffenheit, im Gegenteil, für mich ist das eine gemeingefährliche Strategie. Leider geht der Prozess hurtig weiter, obwohl schon tausendfach in allen Ecken Europas dieser fatale Prozess analysiert und als inakzeptabel dargestellt wurde. Mann will nichts gelernt haben. Aber wie sollten auch die Staatenlenker selbst etwas aus den eigenen Fehlern lernen müssen, wenn das Böse doch schon längst identifiziert worden ist: Haider.
http://www.t0.or.at/~tissa/polemika/laeuterung.html
http://www.t0.or.at/~tissa/polemika/diabolo.html
Er ist an allem Schuld. Mann hat ihn und seine AnhängerInnen zwar ignoriert und geschnitten, Diskurse vermieden, und gleichzeitig hat man das große, weite, tolerante, verständnisvolle und liebende Herz herausbaumeln lassen. Das ist pure Heuchelei.
Mann spricht zwar enorm modern in einem Zuge! von Re-Integration der sozial Abgedrifteten, Drogenabhängigen, der Behinderten und Kriminellen in die Gesellschaft, aber die Freiheitliche Partei musste über Jahre hinweg ausgegrenzt werden. Warum? Durchs reden sagt man, kommen die Menschen zusammen. Interessant? Wahrscheinlich sind die Freiheitlichen keine Menschen, oder?
Tja, aabberr der Haiiderr hat das und das gesagt. Und? Wenn wir jeden Sager unserer Mitmenschen, jede Verletzung und Beleidigung in der Form lösen würden, wie es die sozialistische Regierung uns vorexerziert hat, würden ganz Österreich aus EinzelgängerInnen bestehen, die sich nur mehr beim Kadi sehen. Kränkungen, Unbedachtheiten und auch Bosheiten löst mensch am allerschnellsten, indem er/sie versucht es besser zu tun, und versucht sie nicht mit gleichen Mitteln "heimzuzahlen". Und ich glaube darin liegt auch das Problem: Anstatt die Gegenwart, das Geschaffene zu genießen und vorauszudenken wie unsere Zukunft aussehen soll, bohren und grummeln wir in der Vergangenheit herum. Es ist kein Zufall, dass gerade jetzt die dreißiger Jahre wieder heraufbeschworen werden und die unseligen Kämpfe der Rechts- und Linksblöcke. Mir scheint, da können viele nicht verzeihen, und auch nicht vergessen. Wer meint, mann müsse das Volk krank und in Angst hineinwarnen, tut nicht mal sich selbst einen Gefallen. Denn niemals vergessen ist, verzeihen sie mir den Zynismus, angesichts der modernen Datenträger ohnehin nur mehr eine Formel.
UND: Was bitte soll ich in einer Kultur die seit Jahrtausenden eine Mord-und Zerstückelungskultur ist, denn schon vergessen können? Das hätte ich gerne einmal beantwortet!
Haben Kriege, Folter, Meinungs-und Gesinnungsterror denn aufgehört und ich habe es übersehen?
Es kann keine schönere Welt geben mit Menschen, die Konflikte nach wie vor mit Waffen lösen.
Gefährlich sind nicht die Dampfplauderer, gefährlich sind all jene, die nur ihr eigenes Weltbild anerkennen und zur Demonstration ihrer Inneren Größe ein Taferl mit der Aufschrift umhängen: Bin durch und durch humanistisch!
Schon wieder dieser Nebenwiderspruch: Frau
Wie humanistisch die neuen Moralapostel sind, ist ganz leicht eruierbar. Frau erlaubt sich zum Beispiel folgende Feststellung und sagt: Warum sollte ich mich für die Machtkämpfe der großen Söhne funktionalisieren lassen? Hinterher teilen sie sich die fetten Machtpositionen ohnehin unter sich auf. Das gelindeste was frau dann zu hören bekommt ist, dass sie total unpolitisch denke, denn zuerst gilt es Haider zu verhindern, dann...
Was ist dann? Und was war vorher? Die größte und fortschrittlichste (Eigendefinition) Partei Österreichs, die Sozialdemokratie, hat es bislang nicht geschafft eine Frau an die Parteispitze zu stellen, eine Frau zur Kanzlerin zu machen, oder etwa eine Frau für die BP-Wahlen aufzustellen. Jetzt hätte sie die Chance gehabt sich zu beweisen: In Kärnten hat Melitta Trunk kandidiert und wurde nicht gewählt, und für den Bundesvorsitz war offiziell nicht mal eine Frau vorhanden.
Wir haben keine aufgebaut, die in der Lage wäre, diese Funktion zu übernehmen sagt Mann dann. Brigitte Ederer äußerste sich dazu sehr knapp: Oppositionsrolle und eine Frau als Parteivorsitzende, das wäre für die Genossen zu viel gewesen.
Das nennt sich fortschrittlich! Wie war das eigentlich mit den bisherigen männlichen Quereinsteigern? Liefen da etwa keine Aufbauprogramme?
Wie ernst es die fortschrittlichen und politisch korrekten Parteien SP und Grüne mit den Frauen meinen, muss nicht in aller Breite ausgewalzt werden, ein Beispiel muss genügen: Vor den Wahlen heißt es immer pathetisch: Liebe Wählerinnen und Wähler, hinterher reden alle nur mehr vom Wähler und dem kleinen Mann um den mann sich nun kümmern muss.(Van der Bellen in der Pressestunde am 13.2.2000)
Ähnlich ist es auch bei den öffentlichen Diskussionsrunden, bei denen Frauen chronisch unterrepräsentiert, oder gar nicht vorhanden sind. Mann wünscht sich zwar mehr Frauen in entscheidenden Positionen oder im öffentlichen Dialog, doch wenn Frau darauf beharrt, tritt die wunderliche Wende ein und Mann sagt: Aber es geht doch um den Inhalt und nicht um formale Kriterien. Hat natürlich nicht das geringste mit Ausgrenzung zu tun.
Noch ein Wort zu Phrasen und Tiefschlaf der österreichischen Bevölkerung: "Wir wollen ein weltoffenes, faires, multikulturelles, feministisches, solidarisches und politisch gebildetes Österreich." Mit Verlaub, diese Forderung ist mittlerweile auch schon im Teenageralter, d.h. sie wurde schon heruntergeleiert als die FP noch bei 5% lag.
Tiefschlaf: Wieso haben wir jetzt eigentlich diese Regierung, wenn die Bevölkerung dreißig Jahre lang unter sozialistischer Regierung vor Glück schmatzend wie ein kleines Baby im Tiefschlaf zubrachte?
Oder anders formuliert: Warum ist die Bevölkerung plötzlich politisiert und emotional dermaßen involviert, dass man sogar schon von einer Spaltung! spricht? Die naheliegendste Antwort ist wohl viel zu schlicht, um von all jenen beachtet zu werden die immer noch meinen, Haider sei dafür verantwortlich.
Ich sehe keine Spaltung, außer der altbekannten zwischen arm und reich, Frau und Mann und neuerdings zwischen Modernisierungsgewinnern und -verlierern. Was ich wahrnehme ist ein zur Zeit noch sehr schwaches Aufbegehren all jener, die sich weder rechts noch links festnageln lassen wollen.
Ob sie je die Chance haben werden, sich zu artikulieren, hängt davon ab, ob all jene, die für ein modernes und soziales Österreich eintreten, weiterhin nur die Krankwarner für sich sprechen lassen wollen, oder auch nicht.
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Irmgard Cornelia Klammer, geboren 1957, Studium der Publizistik, Kommunikationswissenschaften, Philosophie und Soziologie Medientheoretikerin, Symbolforscherin und Schriftstellerin, Forschungsthemen: Alte und neue Medien (Der menschliche Körper als Schnittstelle der modernen Tele-Kommunikations-Technologien und seine Zukunft als Cyborg), Ethische Dimensionen der Informationsrevolution
http://www.van.at/zatis.htm
http://www.t0.or.at/~tissa/
Quelle:
http://www.kultur.at/van01/state23.htm