Martin Wassermair
Zu den zivilgesellschaftlichen Facetten des kulturellen Feldes
Vielleicht hat er nur an den Unbill des Alltags und damit an das Ende seiner Laufbahn in der Politik gedacht. Vielleicht auch würde er selbst schon gerne zum Hörer greifen wollen. Mit der publizistischen Empfehlung, Telefon-Hotlines für mehr Engagement im Ehrenamt einzurichten, hat Andreas Khol seinen Wertekanon zwar an ein Instrumentarium der modernen Kommunikation geknüpft, der entscheidende "Durchbruch zur Bürgergesellschaft" ist ihm damit allerdings noch nicht geglückt. Vorerst nicht. Denn der Rückbau der Gesellschaft in ein soziales Flickwerk der individualisierten Nächstenliebe scheint nicht nur zunehmend in Fahrt zu kommen, er profitiert vor allem von der Absenz einer politisch entschlossenen Gegnerschaft.
Gegnerschaft ist in Österreich nicht opportun. In einem System der Konkordanz geht man bereits den kleinsten Differenzen aus dem Weg. Jahrzehnte der Fortschreibung einer "josephinischen" Hoheitsauffassung haben auf diese Weise auch in der Republik vor allem eines nicht hervorgebracht: eine kritische, demokratische und agonale Öffentlichkeit. "Dem Dissidententum und den Widersetzlichkeiten werde kein Raum gelassen", ein Umstand, den auch Emil Brix, Direktor des Österreichischen Kulturinstituts in Wien und Leiter der ARGE "Wege zur Zivilgesellschaft", nur durch "ein alles erstickendes Geflecht von Abhängigkeiten" zu erklären vermag, an das er sich beinahe jeden Tag erinnert fühlt. Die Civil Society hat es eben schwer in Österreich, und ohne jede reformatorische Inspiration bietet ihr auch die Einordnung in historische Zusammenhänge wenig Anhaltspunkte.
Dabei ist ein Antonio Gramsci im Dickicht der Begriffe immer seltener anzutreffen, denn die Leitgestirne der öffentlichen Debatten sind mittlerweile umbenannt. In den Manifesten eines Andreas Khol wird Solidarität im bürgerschaftlichen Gemeinwesen beschworen, eingebettet im Glück der dörflichen Idylle und mit heimatlichem Wohlgefühl. Feindbilder kommen in der autoritären Weltsicht nicht zu kurz. "Trittbrettfahrer, Faule, Mitnehmer" sind die Ursachen allen Übels, sie zwingen die Instanzen der gesellschaftlichen Ordnung, schließlich "zum Polizei- und Therapiestaat zu verkümmern". Auf schon leiseren Sohlen versuchen Neoliberale, mit dem Aphrodisiakum Zivilgesellschaft gar das gesamte Vertragswerk des sozialen Ausgleichs auszuhebeln. Denn ist diese erst einmal verwirklicht, dann hat sich auch staatliche Verantwortung endgültig erübrigt. Am deutlichsten gibt sich diese Variante an den Konzepten zur Transition in Osteuropa zu erkennen, bei der Civil Society ganz offensichtlich die Diretissima im Übergang von einem politischen System zum anderen markiert. Auffällig ist angesichts dieser Entwicklungen die programmatische Dürre in der Sozialdemokratie der Neuen Mitte. Darüber täuscht auch der intellektuelle Eifer eines Caspar Einem nicht hinweg. Sein "neuer Staat befreiter Bürger" setzt zwar auf die Selbstgesetzgebung des Individuums, auf seiner Suche nach den "Bindemitteln von ausdifferenzierten Gesellschaften" hat jedoch auch er sich von den politischen Fundamenten der österreichischen Eintracht nicht so richtig losgesagt.
"Neutral terrains" nennt die französische Philosophin und Politologin Chantal Mouffe jene Räume, in denen kontroversielle Ideen und Interessen aufeinander prallen können, eine entscheidende Voraussetzung für eine neue "Ethik der Disharmonie". Im kulturellen Feld sind solcherart Spuren bereits auszumachen. Denn entgegen der erdrückenden Lähmung im Käfig des Neojosephinismus hat sich im Laufe zweier Jahrzehnte eine beachtliche Vielfalt an Initiativen zwischen Staat und Markt entwickelt, in Form organisatorischer Selbstbestimmung und in Abweichung von Repräsentationskultur und kultureller Industrie. Kleine lokale Kulturvereine, sozio-kulturelle Zentren, freie Theatergruppen, Kollektive in der bildenden Kunst zwischen sozialer Intervention und Public Art, zuletzt auch freie und nicht-kommerzielle Radios sowie Accessprovider der Netzkultur, haben den Mächtigen der Gesellschaft in zähem Ringen doch noch einen dritten Sektor im Kulturbereich abgepresst.
Von 31. März bis 2. April dieses Jahres soll eine Konferenz der IG Kultur Österreich diesen kulturellen dritten Sektor eingehend beleuchten. Aufbauend auf den Ergebnissen bisheriger Symposien ("Relevanz und gesellschaftliche Funktionen der Kulturarbeit", 1996; "Möglichkeiten politischer Kulturarbeit", 1998), vor allem aber in Weiterführung der "Medienkonferenz Linz 1999", werden zentrale Aspekte grundlegend erhellt: Wodurch ist der kulturelle Sektor konstituiert? Welche sind seine Ausschließungs-, welche seine Abgrenzungskriterien? Worin liegt die gesellschaftliche Funktion? Und welche politischen Forderungen sind daraus abzuleiten? Neben der Frage nach der Autonomie gegenüber Staat und Markt wird wohl der Anspruch auf Öffentlichkeit per se schon Gegnerschaft evozieren. Wie also rechtfertigen Kulturinitiativen den Widerspruch und ihre Agonalität? Eine kontroversielle Zusammenstellung von Standpunkten aus Theorie und Praxis soll darauf Antwort geben, gemeinsam mit der Veranschaulichung einer "good-practice-Zone", die parallel zum Erkenntnisgewinn des Diskurses den Nachweis sucht, dass vieles davon in der täglichen Kulturarbeit bereits vorweggenommen wird.
Eines ist jedenfalls schon im Vorfeld dieser Konferenz gewiss: Politische Gestaltung wird dabei nicht in die Verantwortungslosigkeit entlassen. Ziel der "Politisierung der Kulturpolitik" ist und bleibt, wie auch der Wiener Philosoph Oliver Marchart in seinem Beitrag zu "sektor3medien99" betont, die "Demokratisierung der Politkultur". Das erfordert insbesondere, dass der Staat selbst zum Herausheben der Zivilgesellschaft aus dem üppigen Geflecht der Abhängigkeiten zu verpflichten ist. Noch konkreter: Er hat gerade im kulturellen Feld die Voraussetzung eines infrastrukturellen Rahmens zu schaffen, der das Entstehen und - hierzulande wohl noch wesentlicher - das Überleben einer politisch denkenden und politisch handelnden Öffentlichkeit überhaupt erst möglich macht. Effizienz würde dann nicht mehr an kultureller Umwegrentabilität gemessen, sondern am demokratischen Mehrwert einer aktiven politischen Partizipation.
Doch das führen die Köpfe der "Bürgergesellschaft" nicht in ihrem Sinn. Und diese verspüren an der Zeitenwende Aufwind. Rolf Schwendter, Devianzforscher und Theoretiker der Subkultur, warnt deshalb davor, dass angesichts seiner finanziellen Ausdünnung der dritte Sektor zu einem "Sammelbecken der Schlechterweggekommenen" verkommt. Bei den besten Absichten des sektor3/kultur, doch auf das weitere Geschick der Zweiten Republik wird das zivilgesellschaftliche Potenzial des kulturellen Feldes wohl keinen entscheidenden Einfluss nehmen. Den Gestrauchelten bleibt dann wenigstens noch die Telefon-Hotline für mehr Engagement im Ehrenamt ...
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Martin Wassermair ist Mitarbeiter der IG Kultur Österreich.
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